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Interview mit Jakob Roth, Supporter von Babelsberg 03
YNWA: Was ist das Besondere an der Fanszene bei Deinem Verein, Babelsberg 03?
JR: Es ist eine der wenigen emanzipierten Fanszenen in Deutschland, bei der klare Vorstellungen über eine gesellschaftliche Ausrichtung unter den Fans akzeptiert ist: Wir verstehen uns als antirassistisch, antiextremistisch, antisexistisch und wenden uns gegen Gewalt.
YNWA: Und das betrifft tatsächlich die gesamte Fanszene in Babelsberg?
JR: Das kann man eigentlich so sagen. Sicher umfaßt es aber die gesamte Nordkurve, mit ihren 250 bis 350 Leuten.
YNWA: Mit „emanzipierte Fanszene“ meinst Du also die gesellschaftspolitische Ausrichtung?
JR: Nein, nicht nur das. Ich beschreibe damit auch unsere Einstellung, dass wir Wert auf Selbstregulierung legen: Wir achten darauf, das niemand Gegenstände auf das Spielfeld wirft, „der Rasen ist heilig“. Pyrotechnik auf der Tribüne ist von uns gewollt, allerdings nur solange es sicher abläuft. Fackeln sicher abbrennen ist ok, bei Rauch gibt es bei uns geteilte Meinungen.
YNWA: Welche Bedeutung hat denn der emanzipatorische Anspruch im Bezug auf Gästefans?
JR: Ganz einfach: Keine groben Beleidigungen gegen gegnerische Fans und Mannschaft, wir finden, dass bestimmte Grenzen nicht überschritten werden sollten.
Das Thema Gewaltfreiheit wird bei uns einfach groß geschrieben – naja, Ausnahmen gibt es natürlich (lacht), wenn z.B. die Tribüne nazifrei gehalten werden muß. Das ist aber wirklich die Ausnahme.

Foto: Ultras Babelsberg
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YNWA: Wieviele Leute bilden bei Euch den Kern der Nordkurve?
JR: Die Ultras, das sind so 50 bis 60 aktive Personen.
YNWA: Bis zu 350 Fans in der Nordkurve klingt für die Oberliga Nord-Nordost recht eindrucksvoll. Wie viele Zuschauer kommen in Babelsberg im Durchschnitt?
JR: Unser Zuschauerschnitt liegt bei 2500. Ganz ordentlich für die Oberliga.
YNWA: Und wie kommuniziert der Verein in Babelsberg mit seinen Fans?
JR: Nun, über das Stadionheft und die offizielle Homepage. Nach dem Doppelabstieg in die Oberliga haben aktive Fans im Verein Verantwortung gezeigt, die Arbeit in Bereichen wie Merchandising, Homepage und Stadionheft übernommen, um nur einige zu nennen. Daneben befinden sich mittlerweile mehrere Fans aus der Nordkurve im Vorstand und Aufsichtsrat.
YNWA: Wie sehen Eure Kontakte zu den Fanorganisationen anderer Vereine aus?
JR: Wir haben gerade Kontakt zu Arsenal Kiew (Platz 12 in der ersten Liga der Ukraine, Anm. d.Red.) aufgenommen. Die antifaschistische Einstellung dieser Fans zeugt von einer Affinität zu uns. Wir möchten die Kontakte zu ihnen vertiefen, wenn benötigt Unterstützung leisten. Wir streben gegenseitige Besuche an, darum war ich ja auch gerade über Ostern mit Euch in Kiev.
YNWA: Weitere Kontakte im In- und Ausland?
JR: Nun, nach Viacenca, Le Havre und Marseille haben wir gelegentliche Kontakte, das läuft aber nur über einzelne Personen. In Deutschland gibt es einen regelmäßigen Austausch mit den Ultras von St. Pauli und Tennis Borussia Berlin.
YNWA: Was treiben die Nulldreier denn außerhalb ihres Stadions?
JR: Es gibt ein antirassistisches Stadionfest, dieses Jahr in der 7. Auflage. Aber das ist ja schon wieder im Stadion (lacht). Naja, wir liefern aktive Unterstützung anderer antirassistischer Organisationen in Potsdam, wir veranstalten Konzerte und Partys, das normale Programm eben. Und da gibt es ja noch die aus der Babelsberger Faninitiative entstandene Bewegung Enragès, die, wie ihr wisst, für die ein oder andere Überraschung gut ist ...
YNWA: Beinahe ein Themenwechsel. In den Medien und manch wichtiger Publikation werden die Fans, Supporter eigentlich, in Kategorien gesteckt. Wie stehst Du zu diesen Kategorien?
JR: Wenn Du die Kategorien meinst, in der uns die Polizei in Schubladen steckt, steht das hier hoffentlich nicht zur Diskussion. Ultras unterstütze ich, Kuttenfans und Hooligans haben wir eher nicht. Grundsätzlich mag ich an einigen Kuttenträgern den Hang zur Kommerzialisierung nicht. Prinzipiell geht es aber um den Menschen selber, diese klassische Unterteilung sehe ich nicht. Eigentlich gehört die ganze Kurve schon zusammen.
YNWA: Ein deutscher Fan-Forscher hat den Begriff der Hooltras entwickelt. Wie verstehst Du diesen Begriff?
JR: Der Begriff hat keine Berechtigung, was soll das sein? Und dieser Mensch, der ihn geprägt hat, hat sich als Wissenschaftler disqualifiziert.
YNWA: Damit ist wohl eine, in letzter Zeit zunehmende Neigung zur Gewalt bei einigen Ultras gemeint?
JR: Diese Brutalisierungstendenz sehe ich auch. Die Gründe sind mir nicht ganz klar, aber unter anderem dürften falsche Vorbilder ebenso eine Rolle spielen, wie die zunehmende Repression, die besonders auch im Zusammenhang mit der WM zu sehen ist. Das ist durchaus eine Tendenz innerhalb der letzten ein bis zwei Jahren. Dabei richtet sich die Gewalt auch zunehmend gegen Sachen z.B. Fahnen, Schals usw.

Foto: Ultras Babelsberg
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YNWA: Es existieren Fangruppierungen, die einen mehr oder minder regelmäßigen Kontakt zur Polizei pflegen. Gilt das auch für Babelsberg?
JR: Das macht bei uns im Wesentlichen der Fanbetreuer, mit dem wir zufrieden sind, er teilt unsere Einstellungen was die Polizei angeht. Ein regelmäßiger Kontakt zur Polizei besteht nicht. So ein Kontakt hat wenig Sinn, da es halt Verbote gibt, die eingehalten werden müssen – wie das Verbot der Pyrotechnik etwa. Die Frage ist, wie eng die Polizei die ganzen Dinge sieht. Das Stadion ist ein Raum eingeschränkter Rechtsdurchsetzung, das heißt wenn der Schiri als Arschloch bezeichnet wird, wird Mensch auch nicht direkt angezeigt. Ein äußerst zwiespältiger Vorteil. Umgekehrt wird bei Pyrotechnik seitens Ordner und/oder Polizei unverhältnismäßig dazwischen gegangen. Da stimmt doch was nicht, oder.
YNWA: Runde Tische mit den Sicherheitsorganen, Wie denkst Du darüber?
JR: Es gab bei uns schon mal runde Tische aber die waren ohne wirklichen Erfolg, weil beide Gruppen schon ziemlich auf ihren Positionen verharrten. Grundsätzliche Ablehnung zu Gesprächen ist nicht da, aber sie machen wohl in der jetzigen Situation wenig Sinn. Eine andere Stadionordnung könnte das allerdings ändern.
YNWA: Was könnte oder sollte an der Stadionordnung geändert werden?
JR: Kontrollierte Pyrotechnik sollte erlaubt werden. Das kann auch gerne in Absprache mit den Sicherheitsorganen erfolgen.

Foto: Ultras Babelsberg
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YNWA: Habt ihr in Babelsberg Probleme mit dem Ordnungsdienst?
JR: Keine Probleme, die haben wir eher mit der Polizei, aber meistens bei Auswärtsspielen.
YNWA: Thema Stadionverbote: Wie sieht das bei Euch aus?
JR: Drei Stadionverbote wurden in der Regionalliga vom Verein ausgesprochen. In der Oberliga sind nur Hausverbote möglich; davon sind wir aber bis jetzt nicht betroffen.
YNWA: Seit kurzem machen die Babelsberger Schlagzeilen in den Medien. Fans beobachten die Polizei ist das Stichwort?
JR: Die Idee dazu entstand in einer Kneipe. Anfangs wollten wir eine Videoüberwachung der Polizei machen. Das war aber nicht möglich, da wir keine Presseakkreditierung hatten, die man zur Erstellung von persönlichen Bildern braucht.
YNWA: Wie entstand die Idee eigentlich?
JR: Die Idee entstand Anfang des Jahres 2005. Die Erfordernis ihrer praktischen Umsetzung wurde uns nach dem Spiel in Torgelow klar: der Gästeblock wurde mit Bauzäunen gesichert, nach einem Torjubel fielen Teile der Umzäunung um, Fans stellten diese selber wieder auf. Das hinderte die Polizei aber nicht daran, den Block zu stürmen und wahllos „herumzuknüppeln“. Der Verein stellte sich nach den Vorfällen hinter die Fans.
Die Medien übernehmen allerdings die offizielle Pressemitteilung der Polizei ohne weitere Nachfrage und verurteilten mal wieder die Fußballfans. Das war ja nun wirklich nicht die erste ungerechtfertigte Unterstellung gegenüber Fußballfans – es brachte aber bei uns das Faß zum Überlaufen und wir beschlossen, dagegen aktiv zu werden.
YNWA: Was genau macht Ihr nun?
JR: Zu ausgesuchten Spielen des SV Babelsberg 03 werden unabhängige und unparteiische Rechtsanwälte mitgenommen. Hierbei wird Wert auf die Unabhängigkeit gelegt, das bedeutet, wir engagieren keine Anwälte aus Sympathisanten oder aktiven Fußballfans, sondern ganz normale Juristen/innen die allerdings einen Bezug zu Massenveranstaltungen haben. Dadurch entstehen Kosten, wir müssen die Anwälte bezahlen. Es existiert sozusagen ein Fundus von Anwälten, die bereit sind diese Aufgabe zu bewältigen und die uns im Preis, sprich der Höhe ihres Honorars entgegen kommen. Zahlen müssen wir dennoch. Die Motivation dieser Anwälte liegt in ihrem Berufsethos, sie sehen, dass Unrecht geschieht und sind bereit, es gegebenenfalls zu dokumentieren. Details werden nicht preisgegeben, um die Aktion zu schützen. Ich denke, Ihr werdet das verstehen.
YNWA: Wie finanziert Ihr diese Aktion?
JR: Durch Spenden, den Verkauf von T-Shirts und Soli-Partys.
YNWA: Seit wann macht Ihr diese Beobachtungsaktionen?
JR: Wir haben das erstmalig bei dem Auswärtsspiel in Wismar eingesetzt. Das Ergebnis war beachtlich. Die Bundespolizei hielt sich zurück, da er von der Aktion erfahren hatte. Nach einer Beschwerde eines Fahrgastes wegen der Lautstärke unseres Fangesanges kam als Antwort der Polizei: "Wir dürfen nicht so eingreifen, wie wir wollen, da die Fans Anwälte dabei haben."

Foto: Ultras Babelsberg
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YNWA: Wie habt Ihr diese Aktion bekannt gemacht?
JR: Durch Pressekonferenzen in Potsdam, Rostock und einer medienwirksamen Aktion bei der Bundeskonferenz der Fanprojekte in Dortmund. Die bundesweite Resonanz der Presse war ok. Wir haben das auch in Internetforen publiziert und in der Zwischenzeit Anfragen von verschiedenen Fangruppen anderer Vereine erhalten. Wir bieten zu dem Thema Infoveranstaltungen an, da es uns daran gelegen ist, diese Aktion bundesweit anzulegen. Dabei haben wir aktuelle Anfragen aus Jena, Dresden und Hamburg.
Ursprünglich sollte die Idee mit Hilfe der BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft Fanprojekte) umgesetzt werden. Die Anfangseuphorie bei der BAG war groß, aber wie das bei den vom DFB abhängigen Sozialarbeitern typisch ist, fehlte ihnen der nötige Biss und die Ernsthaftigkeit bei der Unterstützung und Umsetzung einer solcher bundesweiten Aktion. Die Sache drohte im Sande zu verlaufen. Also waren wir auf die alleinige Umsetzung angewiesen.
Durch die acht Spielausfälle im Winter konnte die Aktion bisher noch nicht weiter durchgeführt werden. Aber nun sind die Plätze wieder bespielbar und wir ziehen das durch.
YNWA: Was genau ist Eure Zielsetzung bei der Aktion?
JR: Der Polizei soll ein Spiegel vorgehalten werden, ihrer Willkür soll vorgebeugt werden. Sie soll mehr darauf achten, wie sie mit Fans umgeht, sie soll Fingerspitzengefühl entwickeln. Die Polizei verletzt teilweise Grundgesetze, das muss aufhören.
YNWA: Die letzte Frage. Die WM steht kurz bevor, was werdet Ihr in dieser Zeit machen?
JR: Auch während der WM haben wir eine Aktion geplant, allerdings nicht zur Beobachtung der Sicherheitskräfte: Das Diakonische Werk Potsdam und die Ultras Babelsberg planen 60 sozial benachteiligte Jugendliche aus der Ukraine in Potsdam kostenlos unterzubringen und mit ihnen gemeinsam Fußball zu feiern. Manchmal geht es eben auch ganz einfach.
www.fussballfans-beobachten-polizei.de
YNWA, 12.5.2006
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