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Interview mit Volker Rechberger, Supporter und Mitglied des Vorstandes von Austria Salzburg
Seit unserem letzten Gespräch mit Volker Rechberger hat sich in der Salzburger Fußballszene einiges getan. War Volker damals ausschließlich aktiver Fan seines, von Red Bull aufgekauften und liquidierten Vereins Austria Salzburg, so hat sich seine Situation heute grundlegend geändert: Red Bull Salzburg spielt in der Österreichischen Bundesliga und hat gerade die Meisterschaft, trotz millionenschwerer Investitionen verpasst – und Austria Salzburg gibt es wieder. In Violett, mit altem Logo, mit der Tradition seit 1933 und vielen Mitgliedern. Volker Rechberger musste sein Dasein als Fan um die Funktion eines Vorstandsmitgliedes erweitern. Die Fans haben ihre Austria übernommen.
Über die Situation in Salzburg, die Schwierigkeiten und Perspektiven von Austria Salzburg sprachen wir mit Volker Rechberger.
YNWA: Volker, was hat sich in den letzten Monaten getan?
VR: Wir haben lange versucht, über Gespräche mit Red Bull zu einer Rettung der Situation beizutragen. Nachdem wir allerdings mit dem Angebot, die Kapitänsbinde in Violett zu gestalten abgespeist wurden und Red Bull permanent erklärte, mit Austria Salzburg nichts mehr tu tun haben zu wollen (O-Ton: Das ist ein neuer Verein!), haben wir gesagt, gut, wir verabschieden uns. Das haben wir bei dem Spiel gegen Austria Wien dann auch gemacht. Mit dem Tag haben wir begonnen, einen eigenen Verein zu gründen.
YNWA: Wie viele Fans haben sich verabschiedet?
VR: Schwer zu sagen. Dadurch, dass sich viele bereits vorher von Red Bull abgewendet haben und nicht mehr gekommen sind, und diese Tendenz in einigen Spielen zuvor angehalten hat, ist eine Ziffer schwer zu bestimmen. Aber so 2.000 bis 3.000 Menschen werden es schon sein.
YNWA: Und wie sehen die Zuschauerzahlen bei Red Bull jetzt aus?
VR: Die Bundesliga hat ihre Zuschauerzahlen veröffentlicht und demnach hat Red Bull einen Schnitt von etwas über 13.000 Besuchern. Das sind mehr Zuschauer als vorher und etwa so viele, wie sie erwartet hatten.
YNWA: Es existieren jetzt neue Fanclubs, Red Bull Fanclubs. Woher stammen diese Fans?
VR: Es gibt mehr oder weniger ein paar Fanclubs bei denen. Sie bestehen zum Teil aus neuen Mitgliedern, die das Tamtam da draußen super finden, einige alte Fans sind auch dabei, die der Meinung sind, es handele sich schließlich immer noch um einen Salzburger Verein und alles nicht so eng sehen. Ein Fanclub der alten Austria, der früher eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat, ist jetzt eine Red Bull Fanorganisation. Sie haben für sich die Chance gesehen, endlich mal eine wesentliche Rolle spielen zu können.

Foto: Violet Warriors
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YNWA: Innerhalb der Mannschaft und im Umfeld rumort es derzeit kräftig. Die Meisterschaft wurde trotz erheblicher finanzieller Anstrengungen verpasst ...
VR: Offenbar hat man bei der Planung für die internationale Bühne übersehen, dass Red Bull in der österreichischen Liga spielt. Wirkliche Spitzenspieler werden wohl kaum in unserer Liga aus dem Blickfeld des internationalen Geschehens abtauchen wollen. Das Niveau der Liga wird nicht reichen, um internationale Stars zu holen, egal wieviel Geld man hier verdienen kann. Irgendwann wird man zwangsläufig die Meisterschaft hier gewinnen, aber wie interessant ist das wohl im Ausland? Nach einem österreichischen Meister kräht international kein Hahn und innerhalb unseres Landes hat Red Bull seit langem einen Bekanntheitsgrad von 100 %. Vielleicht kaufen sich die Verantwortlichen noch einen Verein in Spanien oder Italien um international mitspielen zu können. Es würde dann spannend zu sehen, was aus dem Salzburger Verein wird.
YNWA: Berühren Dich noch Siege oder Niederlagen von Red Bull gegen Rapid Wien?
VR: Es ist mir eigentlich in der Zwischenzeit die alte Rivalität zwischen den Städten abhanden gekommen. Ich freue mich über Niederlagen der Gummibärchentruppe, es ist schließlich nicht mein Verein. Es entsteht eher der Eindruck, als wenn bestimmte Kräfte hier in Salzburg ein Versuchsfeld aufgebaut haben, um zu probieren, was denn alles mit Kunden beim Fußball machbar ist. Vielleicht seht ihr demnächst das ein oder andere Highlight des Erlebnisses Fußball bei Euch in der Bundesliga. Die letzte Meisterschaftsfeier in der Allianz Arena geht durchaus schon in diese Richtung.
YNWA: Wie ist es dann bei den Austria Fans weiter gegangen?
VR: Anfang Oktober wurde der „Sportverein Austria Salzburg“ gegründet. Zu Beginn dieses Jahres wurde dann in einer Sitzung der Initiative Violett-Weiß der Vorstand besetzt. Er besteht aus 6 Personen, wovon jeweils zwei aus der IVW, und den Fanclubs Tough Guys 1992 und Union `99 Ultrá Salzburg stammen. Danach wurde dann die Entscheidung fixiert mit Schwarz-Weiß, der Fußballsektion des PSV/Schwarz-Weiß, zusammenzuarbeiten. Diese Zusammenarbeit trägt bereits jetzt Früchte, wenn man sich die Stimmung bei den Spielen ansieht und besonders die Reaktionen der anderen Vereine, kann man mit der Entwicklung im Großen und Ganzen vorerst zufrieden sein. Denn das Engagement, welches dem Verein entgegen gebracht wird ist unglaublich, wann immer wir Helferinnen und Helfer für die diversen Tätigkeiten rund um den Fußballbetrieb benötigen, kommen die Leute und helfen ihrer Austria.
YNWA: Inzwischen gibt es kritische Stimmen, die Euch vorwerfen den PSV übernehmen zu wollen und den Fans des PSV das gleiche Schicksal zuzufügen, dass Euch ereilt hat?
VR: Dieser Punkt wird bei uns sehr ernst genommen. In diesem Zusammenhang, darf man aber nicht vergessen wie die Zusammenarbeit zu Stande gekommen ist. Schon zu Beginn des Projektes „Wiederbelebung des SV Austria Salzburg“ kamen die Verantwortlichen der Fußballsektion auf uns zu und haben ihre Hilfe bei dem Projekt angeboten. Das heißt, dass wir, und das ist der entscheidende Unterschied zu dem Vorgängen rund um den FC Red Bull, die Wünsche und Anliegen unserer Partner ernst nehmen und bis zum heutigen Tag keine Entscheidungen ohne unsere Partner getroffen wurden. Sollte sich nach Beendigung der Probephase herausstellen, die Art der Zusammenarbeit ist nicht zielführend, werden wir die Situation neu bewerten müssen. Eine Zusammenarbeit kann und wird es auch in Zukunft nur dann geben, wenn der Wunsch dazu von beiden Seiten besteht.
YNWA: Was sind die Ziele der neu gegründeten Austria Salzburg?
VR: Also im Moment wird alles für den Klassenerhalt in der 1. Salzburger Landesliga getan, gleichzeitig geht es darum die Entwicklung rund um die Zusammenarbeit zu betrachten und diese zu festigen. Mittelfristig geht es dann darum, die Möglichkeiten welche diesem Verein offen stehen, zu nutzen. Sportliches Ziel kann daher nur die Regionalliga West und bei entsprechender Entwicklung die 1. Division sein. Jedoch werden wir sicher nicht vergessen, woher dieser Verein gekommen ist und welche Entwicklung dahinter steckt. Und wenn die sportliche Weiterentwicklung irgendwann nicht mehr möglich ist, ohne seine Identität zu bewahren, kann man diese Entwicklungen nicht mehr mitgehen.

Foto: Violet Warriors
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YNWA: Bei Gesprächen mit ehemaligen Fans von Manchester United, die einen ähnlichen Weg gehen und praktisch über Nacht eine Neugründung mit 5.000 Mitgliedern gemacht haben, mussten wir einen gewissen „Schmerz“ feststellen. Sie haben nun zwar einen eigenen Verein, aber ihre Geschichte mussten sie eigentlich bei Mister Glaser zurücklassen. Ein Fan verglich die Situation mit einer unfreiwilligen Scheidung, "Wir haben jetzt eine "hübsche junge Frau", aber unser Herz ist auch noch bei unserer "ehemaligen Frau". Viele leiden unter der Situation". Wie geht es Euch in dieser Beziehung?
VR: Natürlich leiden wir auch. Die ganze Sache ist an die Substanz gegangen, oft traten auch persönliche Probleme auf. Wenn man so stark in einen Verein involviert ist, dann ist man von solch einer Trennung emotional schwer betroffen.
Der wesentliche Unterschied zwischen unserer Situation und der in Manchester ist, dass ManU noch immer existiert. Der Verein spielt immer noch in Old Trafford, hat noch denselben Namen, trägt die alten Farben. Bei uns hat der Verein Red Bull einfach gar nichts mehr mit der alten Austria Salzburg zu tun. Insofern trauern wir dem, was jetzt da draußen vor der Stadt im Stadion von Red Bull passiert, in keiner Weise nach. Was bei Red Bull zur zeit geschieht hat nichts mit dem Fußball gemein, den ich sehen will. Wir haben einen neuen Verein mit unserem alten Namen. Und wir haben eine Zukunft.
YNWA: Hatte Euch Red Bull nicht noch ein Angebot unterbreitet und besteht eigentlich noch Kontakt zu Red Bull?
VR: Ein Angebot ist etwas, bei dem die Chance bestehen sollte, dass man es annehmen könnte. Der „Vorschlag“ bestand darin, dass die Kapitänsbinde und die Stutzen des Torhüters violett sein sollten. Toller Vorschlag. Und nein, es besteht kein Kontakt mehr.
YNWA: In der Phase, als Red Bull Austria Salzburg liquidiert hat, gab es eine recht breite Unterstützung der Austria Fans durch Fanorganisationen anderer Vereine. Selbst Eure „ärgsten Feinde“ unterstützten Euch in Eurem Kampf gegen Red Bull. Wie hat sich diese Situation weiterentwickelt?
VR: Es hat im letzten Jahr einen Europa weiten Aktionstag gegeben, Fans vieler Vereine haben sich mit uns solidarisiert. Wir haben sogar Unterstützung von Fans aus den USA bekommen. Zur Zeit ist es etwas ruhiger geworden. Sobald wir tatsächlich wieder als Austria Salzburg in einer Liga spielen werden, wird dieses Interesse an unserer Entwicklung wieder steigen. Vielleicht wird das Interesse dann sogar noch größer, weil man recht gerne solche Entwicklungen, als Möglichkeit der eigenen Alternative, beobachtet.
YNWA: Von welchen Fangruppierungen wurdet Ihr am stärksten unterstützt?
VR: Ich könnte einige nennen. Innerhalb Österreichs waren das eigentlich alle Vereine, zumindest alle, die über eine Fanszene verfügen. In Deutschland haben wir Unterstützung aus den Szenen der größeren Vereine bekommen. Ich verweise nur mal auf das, was Dortmunder und Bremer Fans gemeinsam gemacht haben. Es wäre aber unfair, jetzt einzelne aufzuzählen, ich würde dabei sicher die ein oder andere Gruppe vergessen. Die Unterstützung reichte von Norwegen bis Süditalien, von den USA bis nach Rumänien, das war schon sehr beachtlich.
YNWA: Ein Blick über Salzburg hinaus. Wir haben ja in einigen Tagen die Fußball WM in Deutschland. Was erwartest Du von der WM und vom Fußball danach?
VR: Mir fällt dazu der Spruch ein, "die Welt zu Gast, fühl‘ Dich wie im Knast“. Ich bin sicher, das wir auch dort das klinisch gesäuberte Event Fußball erleben werden.
Es ist schon etwas seltsam, wenn man in der Frankfurter Zeitung liest, dass die Ultras die Schuld daran tragen, dass der Fußball heute salonfähig geworden ist. Für die Fans der 80er Jahre würden sich die meisten Sponsoren absolut nicht interessieren. Vokuhila und Jogginghosen war werbetechnisch für 90% der Unternehmen nicht mal im Ansatz diskutabel. Die hochgradig organisierten Fans haben den Fußball zu dem gemacht, was er jetzt ist. Die großen Vereine könnten ohne ihre Fanszenen nicht überleben, sie bilden einen großen Teil der Images der Vereine. Wenn man da an Dortmund denkt, das Stadion heißt ja nicht umsonst „Tempel“, oder an das Guiseppe Meazza Stadion, da fahren die Leute in der Zwischenzeit doch hin um die Atmosphäre zu erleben. Da geht es schon längst nicht mehr nur um das Spiel, sondern in erster Linie um die Atmosphäre beim Spiel. Die Leute wollen sehen, was auf den Tribünen und in den Kurven geschieht.
YNWA: Unterstützung der Mannschaft als Spektakel für Fußballtouristen?
VR: Die Vereine nehmen gerne die Leistung der Fans in Anspruch. Bengalisches Feuer bringt drei Jahre Stadionverbot, macht aber auch was her. Die Fotos sieht man noch Jahre später in den Medien. Ich glaube, es war Karl-Heinz Rummenigge, der begeistert vom Konfetti-Regen in Italienischen Stadien sprach. Versuch doch mal, Konfetti mit ins Stadion zu nehmen (lacht). Das ganze System ist krank. Die Verantwortlichen profitieren von uns Fans, sind aber kaum bereit anzuerkennen, dass es uns um etwas anderes geht, als Zuschauer zu unterhalten.

Foto: Violet Warriors
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YNWA: Dann hat Red Bull doch einen riesen Fehler gemacht, seine „Folklore Truppe“ abzuschieben!
VR: Nun, das, was ich gerade gesagt habe, ist meine Sicht der Dinge. Man darf aber die andere Sicht der Dinge nicht vergessen. Im Moment funktioniert bei Red Bull alles prächtig. Das Stadion ist gut gefüllt, es herrscht, so höre ich immer wieder, eine selige Ruhe während des Spiels, es gefällt den Leuten. Die Frage ist, wie lange es den Leuten reicht, erfolgreich spielende Legionäre zu sehen. Reicht es, vielleicht in Serie Österreichischer Meister zu werden? Oder sollte es dann etwas mehr sein. Bei Bayern München etwa, ist wohl bereits eine Meister-Langeweile entstanden. Sieht man sich die gelangweilte Stimmung plus Inszenierung an, könnte man vermuten, dass da etwas fehlt. Ich erinnere mich noch gut an das Spiel Lecce gegen Roma. Die Lecce Fans haben hundert Bengalischer Fackeln abgebrannt, der Reporter auf DSF schwärmt begeistert über die Stimmung. Am nächsten Tag wird auf dem gleichen Kanal entsetzt über Magdeburger Fans berichtet, die drei Bengalische Fackeln anzündeten. Die Magdeburger „Randalierer“ wurden gebrandmarkt, die italienischen zu Stimmungsmachern hochgejubelt. Da wird in nicht nachvollziehbarer Weise stigmatisiert."
YNWA: Wohin also geht die Entwicklung aus Deiner Sicht?
VR: Ich gebe dem Stadion als riesigem "Langnese Familienblock" kaum eine Chance. Man kann in Italien bereits die stetig sinkenden Zuschauerzahlen beobachten, seitdem der Kauf eines Tickets nur noch mit Vorlage des Ausweises möglich ist. Am Spieltag selbst kann man die Karten überhaupt nicht mehr kaufen, ein spontaner Besuch ist ausgeschlossen. Ich fürchte, dass eines Tages Fußballfans nur noch ab der Landesliga abwärts ihren Lieblingssport sehen können, die großen Stadien werden mehr und mehr zu Event-Kulissen umfunktioniert. Ob man dann allerdings in diesen Stadien noch Fußball sehen wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht ist die Multifunktionsarena in Gelsenkirchen bereits der Vorbote der Entwicklung. Konzerte, Pop-Musik und zwischendurch mal Fußball. In diesem Zusammenhang wird es zu einer massiven Trennung zwischen dem leidenschaftlichen Fan und dem unterhaltungsuchenden Zuseher kommen.
Aber vielleicht wird alles ja auch ganz anders.
YNWA, 18.5.2006
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