Institut für Fußball und Gesellschaft
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Dienstag, 7. September 2010
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Die gesellschaftliche Verantwortung des Fußballs als Herausforderung für Aktive und Fans PDF Drucken E-Mail
11 Thesen von H.-Georg Lützenkirchen
 
I. Der Sport, und damit auch der Fußball, ist ein "Subsystem" der Gesellschaft. Er steht, wie andere Subsysteme auch (Wirtschaft, Kultur), in einem direkten Wechselverhältnis zur Gesamtgesellschaft. Das heißt zum einen: er ist betroffen von gesellschaftlichen und sozialen Erscheinungen und Verwerfungen. Sie bilden sich im Subsystem Fußballsport in besonderer und spezifischer Art ab. Sie erfahren im Fußball und seiner Kultur - wozu auch die Fankultur zählt - ihre ureigene Ausprägung.
 
II. Doch der Fußball ist dem nicht hilflos oder passiv ausgeliefert. Im Gegenteil: in dieser Wechselbeziehung kann das Subsystem Sport/Fußball mit eigenen Mitteln einen aktiven Beitrag zu spezifischen gesellschaftlichen Fragen und Anforderungen leisten. Damit wirkt es gestaltend auf die Gesamtgesellschaft ein. Das ist ebenso eine Chance des Sports, des Fußballs, wie eine Herausforderung: für jeden Aktiven, sei es als Funktionsträger oder Spieler oder Zuschauer oder Fan, die als mündige Bürger gestalten können - und sollen!
 
III. Die Herausforderung stellt sich für den Fußball in besonderer Weise. Denn die Infrastruktur des Fußballs, seine Vereine, die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter und das Umfeld birgt ein hohes gesellschaftliches Einwirkungspotential. So kommt beispielsweise den Vereinen eine hohe Bedeutung bei der Einübung von sozialen Standards bei Jugendlichen zu ? d.h. Trainer und Betreuer haben einen immensen Einfluss, gleich hinter dem der Eltern, oft aber noch vor dem der Schule. In diesem Umfeld werden (Verhaltens-)Normen besonders wirkungsvoll vermittelt. Also positives Potential!
 
IV. Aber: eben weil das Einwirkungspotential des Fußball so groß ist, werden von Gesellschaft und Politik oft falsche Erwartungen an den Fußball herangetragen. Man geht davon aus, dass der Sport, will sagen: die Vereine wie selbstverständlich präventive Effekte in Bereichen erzielt, für die eigentlich die Gesellschaft als Ganzes Verantwortung hat. Das ist eine bequeme Delegation von Verantwortung auf die Vereine und ihre Mitarbeiter. Nicht bedacht wird dabei, ob diese dazu überhaupt in der Lage sind.
 
V. Wenn der Fußball selbst offensiv seine gesellschaftliche Verantwortung annimmt, kann er übertriebene und falsche Erwartungen, die von der Gesellschaft oder gar der Politik an den Fußball herangetragen werden, selbstbewusst zurück weisen.
 
VI. Gerade im Bereich der Gewaltprävention kann der Fußball und sein Umfeld positive Akzente setzen. Doch geht dies nicht automatisch. Positive präventive Effekte im sozialen Umfeld Fußball lassen sich nur dann erzielen, wenn in den Vereinen auch tatsächlich eine zivile Konfliktkultur vermittelt und gelernt werden kann. Sie muss in der Praxis eingeübt und vorgelebt werden.
 
VII. Das ist eine hohe Anforderung an alle Beteiligten - sei es in den Vereinen selbst oder im Umfeld der Vereine. Sie sind es, die mit ihrem Erfahrungsschatz und viel praktischem Wissen und Können das eigentliche Einwirkungspotential darstellen. Zu Recht verweisen sie selbst aber auch auf die Grenzen ihrer Einwirkungsmöglichkeiten, die sich aus fehlender professioneller pädagogischer und sozialarbeiterischer Kompetenz ergibt.
 
VIII. An dieser Stelle setzt ein innovatives (politisches) Bildungsangebot ein, das sich gegen einen falsch verstandenen Professionalisierungsanspruch wendet, der die Ehrenamtler zu Sozialarbeitern ausbilden möchte. Eine solche Absicht würde die ehrenamtliche Basis der Sportvereine unterlaufen und letztlich zerstören. Infolgedessen zielt das Bildungsangebot nicht auf die Professionalisierung des ehrenamtlichen Bereichs, sondern auf die bedarfsgerechte Bereitstellung externer professionellen Hilfe im Rahmen eines Netzwerks. In diesem Netzwerk begegnen sich die Ehrenamtler mit ihrem Erfahrungsschatz und die professionellen Externen mit ihren speziellen Kenntnissen auf gleicher Ebene.
 
IX. Eine andere Option zur Ausschöpfung der gesellschaftspolitischen Verantwortung des Fußballs stellt die selbstorganisierte und -durchgeführte Projektarbeit dar. Hier haben insbesondere die Fans und ihre Einrichtungen in der Vergangenheit bereits vielfältige positive Akzente gesetzt (z.B. gegen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Rassismus). In solchen Initiativen wird ein hohes Maß an politischer Verantwortung und partizipatorischer Lust deutlich.
 
X. Beispielhafte Handlungsoptionen im Sport, die auf das gesellschaftliche Miteinander ausstrahlen, sind in einem Leitbild verankert, das die (sportliche) Fair-Play-Idee mit Verhaltensnormen wie Respekt und Toleranz bindet.
 
XI. Aber: wie vertragen sich Anspruch und Wirklichkeit des Fair-Play-Ideals im Fußball mit den realen Wirkungschancen von Fair-Play? Tatsächlich steht in der - sportlichen und sonstigen - Realität das Fair-Play-Ideal im Konkurrenz zum Erfolgsstreben. Eine tiefgreifende Akzeptanz, mithin eine selbstverständliche Anerkennung von Fair Play in allen Bereichen ist nicht gegeben. Deshalb ist es entscheidend, sich über das eigene Verständnis von Fair-Play klar zu werden. Daher sollte eine konkrete und klare gesellschaftliche Aufgabe’ des Fußballs und seiner Fans, die Akzeptanz des Wertes Fairness in einer “Ellbogengesellschaft” über den Fußball bzw. seinen Aktiven (Eltern, Spieler, Trainer, Betreuer, Vereine, Fans) positiv beeinflussen.
 
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